Der Säbelzahntiger-Nonsens der Esoterik-Szene

In der spirituellen Speaker-Szene wird derart viel heisse Luft verbreitet, das man denkt, ich bin ein Aufbackbrötchen.
Diese Speaker klauen links und rechts alles Erdenkliche zusammen und in Ermangelung eigener Erkenntnis geben Sie den Brei, den jeder andere auch so von sich gibt, einfach weiter. Der wissenschaftliche Fachbegriff: Wiederkäuer-Speaker.
Stress soll dich vor Säbelzahntigern schützen
Hier ein Beispiel:
Man erklärt Ihnen, dass der emotionale Stress und Angstzustand dazu da sei, uns aus Evolutionstagen davor zu schützen nicht von einem Säbelzahntiger gefressen zu werden. Das wäre zu Höhlenzeiten ein evolutionäres natürliches Alarmprogramm, das aber heutzutage längst nicht mehr zu unserem Leben passe.
Angst und Stress, so wird verkündet, sei ursprünglich dazu da, nicht von einem Löwen gefressen zu werden. Früher, so sagt man, mussten wir vor dem Säbelzahntiger weglaufen. Heute bekommen wir Stress, wenn jemand auf WhatsApp zwei blaue Häkchen sieht und nicht antwortet oder wenn ein neues E-Mail reinkommt. Und das System würde uns fälschlicherweise signalisieren: "Stress brauche ich noch zum Überleben."
Das klingt gut, aber dem liegt ein grundlegender Irrtum zugrunde.
Der abgekaute Spruch vom Säbelzahntiger, erkennt nicht, dass es zwei Arten von Angst gibt. Die Säbelzahntigerangst ist die Angst vor körperlicher Unversehrtheit und Schmerz.
Wenn ich aber das blaue Häkchen bei meinem WhatsApp-Botschaft schmerzhaft vermisse, ist das eine komplett andere Angst, die nichts mit der Angst vor körperlichen Unversehrtheit und Schmerz zu tun hat - hier handelt es sich um die die zehn Mal häufigere Angst vor wegfallender sozialer Anerkennung.
Alle unsere Gefühle lassen sich in zwei Schubladen zuordnen.
Es gibt nur zwei grundlegende Schubladen von negativen Gefühlen. Sämtliche Ihrer Gefühle können Sie in eine der beiden Schubladen zuordnen.
Die erste Schublade ist die Angst vor körperlichen Schmerz oder Tod. Dazu gehört die Angst vor Dunkelheit, die Angst vor Spinnen, die Höhenangst, die Angst vor Feuer... In diese Schublade gehört auch die von spirituellen Speakern abgekaute Säbelzahntiger-Angst unsere Vorfahren.
In die zweite Schublade passen alle negativen Emotionen die mit unserer Fremdwahrnehmung zu tun haben. Angst vor Blamage (genannt Scham), Angst vor Liebesentzug (genannt Eifersucht), Angst nicht verstanden zu werden (Ärger), Angst nicht alle Erwartungen zu erfüllen (Stress), Angst vor Hilflosigkeit (Wut), Angst weniger wert zu sein als andere (Neid), Angst vor Alleinsein... Dies alles sind soziale Ängste, die immer mit unserer Wahrnehmung durch anderer Menschen zu tun haben. Ohne die Wahrnehmung anderer Menschen können wir z.B. keine Scham empfinden.
All diese Ängste beinhalten, dass wir entweder befürchten in den Augen andere Menschen nicht mehr als der gesehen werden, der wir erscheinen wollen oder dass eine positive Wahrnehmung wegbricht. Der WhatsApp-Stich im Herz hat als Hintergrund, dass wir hochgradig emotional darauf reagieren, wie andere Menschen über uns reden, denken oder schreiben. "Ich werde nicht mehr beachtet."
Die zwei Angst-Schubladen werden verwechselt
Jetzt wird die zum Überleben wichtige Säbelzahntiger Angst, die die Angst der Kategorie der ersten körperlicher-Schmerz-Schublade ist, hergenommen, um die Kategorie der Fremdwahrnehmungs-Schublade als überflüssig zu erklären.
Auch zu Säbelzahntiger Zeiten waren unsere Höhlenbewohner-Vorfahren wütend, wenn einer das beste Stück Fleisch für sich beanspruchte, obwohl er bei der Jagd der Feigste war. Sie warten traurig wenn sie jemand in einer Gesprächsrunde nicht integrierte. Sie waren neidisch wenn andere mehr Felle besassen als sie selbst. Sie warnt eifersüchtig, wenn seine Angebetete nur Augen für einen anderen hatte. Der Urgrund dahinter: "Ich werde minderwertig gesehen" - "Ich werde nicht gesehen" - "
Diese Fremdwahrnehmungsangst war damals da, diese Fremdwahrnehmungsangst ist heute da - da hat sich null und nichts geändert. Der Säbelzahntiger als Erklärung für eine angeblich unnötige Angst kann Frührente beantragen.
Diese Fremdwahrnehmungsangst wird immer bleiben, egal, was Ihnen der Speaker-Seminarprospekt verheisst.
Hier ist der Grund: Die Fremdwahrnehmung ist das Betriebssystem, auf dem unser "Ich", unser "Selbst", unsere "Identität" läuft.
Unser fiktives Selbst besteht in Wahrheit aus der Summe aller Fremdwahrnehmungen. Diese Angst wird immer bleiben, denn sie hat damit zu tun, dass unser virtuelles Ich stirbt, wenn wir nicht mehr durch andere gesehen werden.